Evang. Kirchengemeinde Seelbach

 Predigt zu Johannes 19, 16-30 an Karfreitag 2015 von Pfarrerin Anke Doleschal

 Liebe Gemeinde,

auf meinem Schreibtisch liegt ein Bild:
ein afghanischer Junge blickt mich an mit an mit einem Auge, das andere ist verbunden.

Sein schmutziges, unebenmäßiges Bein stützt seinen Arm. Ihm fehlt die Hand. Auch das andere Bein ist verbunden. Er hatte einen Blindgänger aufgehoben, der in seinen Händen explodierte.

Das ist ein Karfreitagsbild – unsere Welt ist voll von diesen Bildern. Nur wir bekommen sie nicht zusehen. Der Fotojournalist Christoph Bangert will diesem Schweigen ein Ende setzen.

Voyeurismus wirft man ihm vor, es sei pietätslos Kriegsopfer zu fotografieren.

Er hat die unveröffentlichten Bilder in einem Buch gesammelt. Nicht alle Bilder sind gleich sichtbar, manche Seite muss man erst auftrennen. So kann jeder Betrachter selbst entscheiden, ob er den Mut hat sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen oder wegzusehen.

Es kostet Kraft diese Bilder zu sehen, blutige Folterwerkzeuge, Menschen mit für uns unbegreiflichen Verletzungen, tote Kinder, hilfesuchenden Blicke.

Die Opfer baten ihn, dies festzuhalten. Es ist eine Anklage: Sieh hin, das ist los auf dieser Welt auf der wir Schokohasen knabbern und  an Karfreitag einen freien fröhlichen Tag planen und saure Kommentare hören, weil die Kirchen an diesem Tag sich gegen das Tanzen stellen.

Heute ist der Tag, an dem sie alle beim Gekreuzigten stehen, all die Menschen auf den Bildern von Christoph Bangert.

Die Wunden, die sie tragen, sind Jesu Wunden so ähnlich.

Es wird wieder gekreuzigt auf unserer Welt. Und heute ist Karfreitag, damit es endlich laut ausgesprochen wird.

Pietätlos sind nicht diese Bilder.

Pietätslos sind Einladungen zum Schick Essen gehen.

Pietätlos sind die Geschenkewünsche zum Osterfest und die Vermarktung der christlichen Feiertage.

Wir sind gelähmt, wenn ein Unglück geschieht. Unser Land war erstarrt in den letzten Tagen nach dem Absturz der Maschine von German Wings. Wir spüren wie nah uns Leid und Lebensende kommen können. Syrien ist im Denken weit, aber räumlich so nah wie Schweden.

Da kennen wir kaum jemanden, aber einer Schule in Haltern rückt nahe, die Austauschschüler hätten auch unsere Kinder sein können.
Im Flugzeug hätte auch ich sitzen können. Kurz danach läutete der Palmsonntag die Karwoche ein. Und heute sehen wir vor uns den unwegsamen Berghang in den französischen Alpen und daneben den Berg Golgatha.

Wir denken an die trauernden Angehörigen und sehen Maria und Johannes unter dem Kreuz. Sie stehen dabei, ganz nah. Wer sich am stillen Karfreitag stört und heute lieber auf eine Tanzdemo gehen will, hat nicht begriffen, wie wohltuend dieser stille Tag für die Wunden in unserer Seele ist. Wer heute meint so weitermachen zu können wie an jedem Alltag, dessen Seele wird heimatlos. Einen Seelsorgekoffer halten Schulen bereit, wenn ein Unglück geschieht. Darin sind, Kerzen, Taschentücher und ein Kreuz. Ach ja, ein Kreuz. Aus den Klassenzimmern hat man es weggehängt, und wenn dann etwas Tragisches geschieht, holt man es aus dem Seelsorgekoffer heraus.

Wir haben verlernt mit dem Kreuz zu gehen, auf das Kreuz zu sehen, das Kreuz in uns zu tragen und in dem Traurigen darin das Wunder des Trostes zu sehen. Ostern erfreut sich allgemeiner Beliebtheit, Frühling, Freude und fröhliche Feierlichkeit kommen gut an. Den traurigen Karfreitag will man am liebsten übersehen, aber ohne ihn gibt es kein Ostern, ohne seinen Schatten kann das Licht des Ostermorgens nicht erstrahlen, ohne seine Traurigkeit bleiben wir allein, wenn die Traurigkeit bei uns anklopft.

Und wenn wir um 15 Uhr zur Todesstunde Jesu die Glocken läuten, dann rufen sie uns zu: Wie dunkel es auch immer um dich ist, keine Dunkelheit ist so dunkel, dass Jesus sie nicht kennt. Erinnern Sie sich daran, was die französischen Helfer als erstes aufgebaut haben? Bevor die Behelfstraße geplant war, noch bevor die Gemeindehalle für die trauernden Angehörigen eingerichtet wurde stand fest: es müssen Kapellen gebaut werden.
Auf einmal ist er wieder da, der Gedanke: Man braucht einen Ort zum Trauern, eine Nähe von etwas, das nicht von dieser Welt ist. Der Karfreitag ist der Tag um sie alle versammelt zu sehen, unter dem Kreuz Jesu. Blicken wir auf ihn, wie er uns heute zur Seite stehen kann:

Wer die Bilder von Christoph Bangert gesehen hat, kann sich vorstellen, wie Jesus ausgesehen haben muss nach der Nacht,  in der er geschlagen, bespuckt und gefoltert wurde. Wer am Kreuz stirbt, der stirbt, weil der Kreislauf zusammenbricht, nach den Schlägen, in der Mittagshitze. Der Essigschwamm allerdings verlängert das Leiden, weil sich ja auch Durst einstellt. So manch hartgesottener Aufständische hat sich schwer getan am Kreuz zu sterben. Wie viele hatten die Römer so hingerichtet und die kräftigsten Burschen litten am längsten, weil ihr Kreislauf einfach nicht versagen wollte. Jesus sammelt auch noch einmal seine ganze Kraft: Johannes hält uns vor Augen wie Jesus noch inmitten dieses Leides Liebes tut: Er sieht seine Mutter und ihre verweinten Augen und stellt ihr einen Sohn zur Seite. „Siehe, deine Mutter“ sagt er zu seinem Jünger. Er sorgt für sie auch nach seinem Tode, nicht nur materiell mit einem männlichen Fürsorger, sondern auch sie soll einen Sohn, eine Säule und einen Tröster zur Seite haben.

Einen Seelsorger gibt er seiner Mutter, den Liebsten seiner Jünger. Die Lieben sollen zusammenhalten, sich gegenseitig stärken und stützen, das ist die erste Botschaft des sterbenden Jesus.
Einander Kraft geben, in den Arm nehmen, Halt und Heimat schenken das ist es, was wir in solch einem düstereren Augenblick brauchen.
Deshalb waren sie da, die Notfallseelsorger in den französischen Alpen. Sie haben umgesetzt, was Jesus vom Kreuz zurief. Einander beistehen so wie Johannes der Maria.Seine letzten Gedanken gelten der Liebe und der Heimat für die Seele.
Einem zweiten Gedanken begegnen wir wie einer Selbstverständlichkeit. An den Wegkreuzen entlang der Wanderwege entdecken wir Täfelchen über dem Haupt Jesu auf dem INRI steht.Eine Abkürzung für : „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“,“ Jesus von Nazareth König der Juden“. Johannes berichtet, dass dieser Satz auch in Griechisch und Hebräisch geschrieben wurde. Das war ungewöhnlich. Hebräisch ist die Sprache des Volkes, Griechisch die Sprache der Gelehrten und Lateinisch die Sprache der Besatzungsmacht und die damalige Weltsprache.

Wozu dieser Aufwand?
In der jüdischen Provinz hätte es doch genügt, den Grund des Todes auf Hebräisch zu verfassen. Was damals diese Tafel war, ist das Tablet von heute.Es ist das Informationsmedium, das dreisprachig in alle Welt heraustönte: Dies ist der König der Juden – wie eine Ehrenbezeichnung klingt es. Über dem blutverschmierten Gesicht nun ein solcher Glanz, der international verkündet: dies hier ist ein König.

Denken wir daran, wenn unsere nächste Wanderung oder Fahrradtour uns an ein Wegkreuz führt. Schauen wir ihn uns einmal genauer an, den Gekreuzigten: Manche Künstler sehen ihn schmerzerfüllt und leidend mit einer Dornenkrone, andere stellen ihn bereits schon mit einer Königskrone dar. Keine matten Arme hängen vom Kreuz herab, sondern sind emporgerissen, wie ein V - das Zeichen für “Viktoria – Sieg“.
Daran können wir erkennen, ob der Künstler Jesus vor Augen hat, wie Johannes ihn erlebt hat: „Es ist vollbracht!“ Zu einem geächteten Foltertod am Kreuz passt diese Aussage nicht. Johannes blickt über Blut und Schmerz hinaus und stellt uns vor Augen, dass etwas Großes hier geschieht, etwas, das für die verweinten Augen der Umstehenden noch nicht sichtbar ist.

Biblische Aussagen, lange vor Jesu Geburt ausgesprochen kommen hier zur Erfüllung:

Sein Gewand ist nicht zerschnitten worden, sondern verlost worden, wie es der Psalm 22 ankündigt.

Essig bekommt er zu trinken auch davon spricht der Psalm 22. Wie dem Passalamm werden auch ihm die Beine nicht gebrochen, um den Kreislaufzusammenbruch und damit das Sterben zu beschleunigen, sondern die Soldaten stechen ihm mit dem Speer in die Seite, um zu prüfen, ob Jesus schon tot ist. Das hat der Prophet Sacharja angekündigt.

Er sieht drei Weissagungen erfüllt. Das ist für Johannes kein Zufall, sondern eine Vollendung: Gott geht diesen Weg mit und sieht schon weiter - erkennen wir hinter diesen Beobachtungen.

Gott sieht nicht weg, wie wir es gerne tun, sondern sieht genau hin, bis ins Detail.

Gott ist nicht fern und überlässt die Leidenden nicht ihrem Schicksal, sondern sieht schon weiter als wir.

Wir erinnern uns an Angekündigtes und uns gehen die Augen auf.

Das Leiden ist für Johannes keine Niederlage, wie für viele der Umstehenden, sondern ein Sieg.

Man wollte Jesus Leid zufügen und ihm wehtun, doch durch seinen Tod haben die, die ihn kreuzigen wollten das Gegenteil erreicht. Sein Tod ermöglicht die Auferstehung.

Auch unser Leid ist kein Ende und kein Niedergang. Wir bleiben nicht als Zuschauer des Karfreitags unter dem Kreuz stehen.

„Es ist vollbracht“ in diesen Worten Jesu leuchtet bereits der Morgenglanz der Ostersonne.

So sehen wir in der Dornenkrone schon die Krone des Königs der Könige,

in seinen genagelten und gebundenen Händen die Arme eines Siegers,

wir sehen das Grab Jesu schon in dem Licht des neuen Morgens

und tragen seine Liebe weiter, die er noch als Sterbender zu geben vermochte.

Das ist eine Liebe, die auch im Tod kein Ende hat und das ist eine Liebe, die unsere Toten empfängt.

An Karfreitag lernen wir hinzusehen, nur wer genau hinsieht, kann später einmal sagen, ich habe nicht weggesehen.

An Karfreitag lernen wir aber auch weiter zu sehen und alle Toten, Gefolterten und Verstümmelten in Gottes Arme zu legen.

Das ist der einzige Trost, den wir haben – auch Jesus legte seine Mutter in die Arme seines Freundes.

Den Leib kann man töten, aber niemals die Liebe.

Das Leid kann uns beugen, aber hinter unterm gekrümmten Rücken geht bereits das wärmende Licht der Ostersonne auf.

Amen

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