Evang. Kirchengemeinde Seelbach

Ein Meer von Blumen wird sich an diesem Wochenende auftürmen:

Eine Tulpenmauer über zwei Meter hoch umrahmt ein ewiges Feuer. Wie eine schützende Hand beugen sich zwölf Granitstelen über dem Feuer, das auch im Herzen derer brennt, die die Blumen niederlegen. Der Strom der blumenbringenden Besucher wird an diesem Wochenende nicht abreißen. Tausende werden hinströmen zu der „Schwalbenfestung“, dem „Tsitsernakaberd“ hoch über Armeniens Hauptstadt Jerewan. Ein Obelisk spitz wie eine Nadel strebt dort in den Himmel – aber nicht aus einem Stück ist er. Aus zwei Teilen besteht dieses Basaltmonumet: gespalten, getrennt, auseinandergerissen wie die Armenier, die auf der ganzen Welt verstreut sind. Aus aller Welt kommen sie in diesen Tagen und ziehen schweigend an diesen Ort. Sie denken an ihre Großeltern und an ihre Eltern, die ihnen erzählt haben von dem, was vor hundert Jahren geschah. „ Ich lebe, weil mein Großvater für tot gehalten wurde und unter einem Berg von Leichen hervorgekrochen ist“. „Meine Großmutter hat überlebt, weil sie in einen Harem verschleppt wurde.“ Immer wieder hören wir solche Worte, wenn wir die Besucher fragen.

Ja, es war ein Völkermord, ein Genozid, der an der armenischen Bevölkerung begangen wurde. Es waren keine Einzelfälle, es waren über eine Million, die nicht einfach getötet wurden. Nein, gemartert, gekreuzigt, vergewaltigt, verstümmelt, ertränkt, zum Sterben ins Nichts der syrischen Wüste deportiert.

Entlang des Weges zur Gedenkstätte begleitet eine Mauer den Weg der Trauernden. Auf dieser Mauer finden sich Tafeln mit den Namen der Dörfer und Städte, in denen die Armenier ausgelöscht wurden:

„Istanbul, Ankara, Kayseri, Urfa, Kars, Van, Musch, Malatya…“ Auf der anderen Seite die Namen der Zeitzeugen: „Johannes Lepsius, Franz Werfel, Armin Wegner, Henry Morgenthau…“

„Es war kein Geheimnis, dass der Plan darauf hinauslief das armenische Volk zu vernichten“ Leslie A. Davis, Amerikanischer Konsul in Harput 1914- 17.

„Ich bin überzeugt, wenn man die Wahrheit wüsste, würde ein einziger Schrei der Entrüstung durch unser Volk gehen. Es ist kein Zweifel, dass, was dem armenischen Volk angetan wurde und noch angetan wird, ist das größte Verbrechen der Weltgeschichte.“ Ernst Christoffel, Vorsteher des Blindenheims Malatia an Pastor Stoevesandt, Berlin, 26. März 1917

Die Mauer der Zeugen mündet in einen kleinen Tannenwald. Dort wachsen noch wenige Tannen, zum Teil sind sie recht jung. So manches Land hat in Anerkennung des Völkermordes dort einen Baum gepflanzt. Man wartet noch auf den aus Deutschland.

Niemand spricht davon das geraubte Geld und Gut zurückzubekommen. Nur eines möchten die Trauernden hören: Ja, es war so, wie es dir dein Großvater erzählt hat. Ja, was du mit deinen Augen gesehen hast, ist geschehen. Ja, es ist die Wahrheit.

Wie soll eine Wunde heilen, die ignoriert wird? Wie wollen wir Unrecht verhindern, wenn wir nicht genau hinsehen und aussprechen lernen?

 „Lasst uns in Polen einmarschieren, wer spricht heute noch von dem Völkermord an den Armeniern?“, Adolf Hitler August 1939.

Der Völkermord an den Armeniern hat sich seither mehrfach wiederholt und das liegt daran, weil geschwiegen wurde.

„Wie oft schnitt man uns die Zunge ab, damit wir nicht unsere Gedanken sagen? Uns nicht freuen, nicht selbstbewusst sind und unsere vielen Opfer nicht beklagen?

Wer zwang euch, uns wie Sterne zu verstreuen? Wo ihr uns seht, wird unser Licht erstrahlen“,

heißt es in dem Gedicht „Wir“ von Geworg Emin.

Wenn wir heute in Gedanken in das ewige Feuer von Jerewan blicken, dann leuchten die Opfer wie Sterne, die uns den Weg zur Wahrheit und zum aufrechten Sprechen zeigen.

 

Anke Doleschal

Pfarrerin in Seelbach

 
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